TAGEBLATT: Spielen für Ruhm und das große Geld

Spielen für Ruhm und das große Geld (German)

9. Juni 2018

Im Elektronischen Sport geht es um das große Geld. Fußballclubs und große Konzerne investieren in die E-Sports- Szene, Karrieren als Profi-Zocker sind längst kein Traum mehr. Das hat auch der 21-jährige Sebastian Kuch er- kannt, der in Hamburg ein Unternehmen gegründet hat, das Computerspieler vernetzt. Jetzt organisierte er ein Bootcamp für Nachwuchstalente samt Stars aus der Szene.

Der Raum ist erfüllt von vielen leisen ununterbrochenen Klickgeräuschen. Die jungen Männer um die 20 sitzen in einer Reihe mit Kopfhörern auf den Ohren und Mikrofonen vor dem Mund. Hoch konzentriert. Der Blick starr nach vorn gerichtet auf den Monitor. Nur die Finger bewegen sich im rasanten Tempo auf Maus und Tastatur minimal hoch und runter. Dass draußen bestes Sommerwetter ist, bekommt in dem abgedunkelten Raum niemand mit. Es spielt auch keine Rolle. Heute will keiner einen Fehler machen. Die Spieler sind aus ganz Deutschland und Österreich gekommen, um von dem Star des Tages unterrichtet zu werden. Simon Payne ist Profi-Coach aus England. Er bekommt Geld dafür, Computer zu spielen. Viel Geld. Im nächsten Jahr wird ein Profi zwischen 500 000 und einer Million Euro pro Jahr verdienen, so die Prognosen der Insider beim Bootcamp. In diesem Jahr lag das Jahresgehalt noch etwas darunter. Die E-Sport-Szene boomt.

Sebastian Kuch will diesen wachsenden Markt nutzen. Er ist der Kopf hinter dem Unternehmen MateCrate und veranstaltet das Bootcamp. Mit seiner Firma will er eine Lücke schließen. „Du weißt im E-Sport nicht, wie du nach oben kommen sollst“, sagt er aus eigener Erfahrung. Zurzeit suchen sich die großen Teams und Sponsoren ihre Spieler aus. Viel Glück gehört dazu, einer der Auserwählten zu sein. Kuch vergleicht seine Idee mit Fußball. „Dort kann man in der Kreisklasse anfangen und langsam aufsteigen.“

Seine App vernetzt Spieler des Strategiespiels League of Legends. Kuchs langfristiges Ziel: ein Liga-System wie im Fußball für das Strategiespiel aufbauen und Wettkämpfe veranstalten. Ein ähnliches System wünscht er sich für League of Legends. Die App ist nur der Anfang, damit sich überhaupt Mannschaften bilden können. „Es ist einfacher, Leute zum gemeinsamen Kochen zu finden, als ein Team zum Spielen“, sagt Kuch, der selbst gerne Profi geworden wäre und an der besagten Hürde scheiterte.

Kuch wirkt auf den ersten Blick wie einer, der gerade sein Abi in der Tasche hat und vielleicht noch ein Jahr nach Australien geht. Doch im Gespräch wird schnell klar: Er hat sein Ziel klar vor Augen und weiß ganz genau, wo es für ihn hingehen soll. Auf sein Alter angesprochen, lächelt er nur. „Ich bin der Jüngste in unserem Team“, sagt er und trotzdem müsse er manchmal auf den Tisch hauen. „Ich nehme aber auch Rat von den erfahreneren Kollegen an.“ Bei Sponsoren müsse er sich schon das ein oder andere Mal erklären.

Der E-Sport-Markt ist riesig. 2,2 Milliarden Spieler gibt es weltweit. Die wenigsten sind Profis. Es läuft gut für den 21-jährigen Gründer. 400 000 Euro hat das junge Unternehmen gerade von Sponsoren eingefahren. „Dass wir die Finanzierungsrunde geschafft haben, soll eine Überraschung für meine Kollegen sein“, sagt Kuch. Am Montag stehen neue Rechner auf den Schreibtischen seiner zwölf Mitarbeiter. „Im Moment benutzen wir noch die privaten“, sagt Kuch.

Unter anderem konnte er das erfolgreiche E-Sports-Team Roccat für sich begeistern. Profi Simon Payne spielt für Roccat. Payne ist ein Star in der Szene. Er ist von Anfang an dabei. Seit fünf Jahren. „Ich war wirklich gut in League of Legends“, sagt er über seine Anfänge. Er habe die Uni abgebrochen, um Profi zu werden. Seine Eltern und Freunde hätten ihm damals oft gesagt, dass er zu viel zocke und sein Leben vergeude. „Um ehrlich zu sein, hatten sie damals recht“, sagt er. Aber seitdem er sein Geld mit Spielen verdiene, sei das kein Thema mehr. „Ich hatte die Möglichkeit und ich habe sie genutzt.“ An diesem Tag beim Bootcamp sitzt er auf seinem Stuhl und schaut konzentriert auf einen großen Monitor auf dem – sehr vereinfacht gesagt – bunte Figuren mit viel Blitz, Knall und Peng gegeneinander kämpfen. League of Legends heißt das Strategiespiel. Immer wieder schauen die anderen Zocker bewundernd zu ihm rüber und scheinen zu denken: „Er lebt meinen Traum.“

Was klingt wie ein Traum, ist bei näherer Betrachtung harte Arbeit. Im Schnitt trainieren Profispieler acht bis zwölf Stunden täglich. Dazu kommt die Arbeit für die Organisation für die sie spielen: Fantreffen, Interviews, Taktikbesprechungen und die Wettkämpfe. Zeit für andere Dinge bleibt kaum. „Das Leistungsniveau professioneller E-Sportler ist beispielsweise von ihren Reaktionszeiten und Reflexen vergleichbar mit dem von Kampfpiloten“, sagt Sascha Schmidt, Professor am Center for Sports and Management in Düsseldorf in einem Interview mit „Absatzwirtschaft“. Die Teams haben ihre eigenen Psychologen und Therapeuten. Hier geht es schon lange nicht mehr nur um ein bisschen Computerspielen. Das haben die großen Konzerne erkannt. Der Autokonzern Daimler hat sich als DFB-Sponsor verabschiedet und setzt im großen Stil auf Präsenz im E-Sport. Bis 2020 wird sich der Umsatz der E-Sport-Industrie in Deutschland auf über 120 Millionen Euro jährlich fast verdoppeln, schätzen Experten.

Viele Fußball-Bundesligaklubs haben mittlerweile das Potenzial des E-Sports erkannt. Vor allem das Computerfußballspiel „Fifa“ ist bei den Klubs beliebt. Der VfL Wolfsburg hat eine eigene Mannschaft, der Ex-Bundesliga-Trainer Robin Dutt hat als Berater im E-Sport Fuß gefasst. Der FC Schalke 04 hat sogar ein eigenes Profi-Team im Strategiespiel League of Legends.

Auch auf politischer Ebene wird diskutiert. Die Bundesregierung hat sich dem Thema angenommen. Im neuen Koalitionsvertrag beabsichtigen Union und SPD die Anerkennung des E-Sports als ordentliche Sportart. „Da E-Sport wichtige Fähigkeiten schult, die nicht nur in der digitalen Welt von Bedeutung sind“, begründen die Parteien. Damit könnte E-Sport olympische Disziplin werden.

„Das wird alles etwas überdramatisiert“, findet Kuch. Primär helfe die Anerkennung als ordentliche Sportart den Profis. Für die Karrieren der kleinen Spieler am PC zu Hause bringe der Zusatz wenig. „Aber trotzdem: nice to have.“ Viel hilfreicher für Nachwuchstalente seien Start-ups wie Patch 2.1, die die Eventlocation für E-Sports in Barmbek für das Bootcamp im Eilverfahren hergerichtet haben. Auch sie wollen vom wachsenden Markt profitieren. „Wir sind die Ersten in Deutschland mit diesem Angebot“, sagen die Gründer von Patch 2.1 während des Bootcamps über ihr Geschäftsmodell. Sie vermieten Räumlichkeiten für Veranstaltungen rund um E-Sports. Dies zeigt, wie wenig bisher die Rahmenbedingungen des E-Sports in der deutschen Szene ausgebaut sind und wie viel Potenzial ungenutzt herum liegt. E-Sports ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es entwickelt sich eine Milliardenindustrie. Die Start-ups wie MateCrate und Patch 2.1 scheinen genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Mit einem Gewinnerlächeln sagt Kuch, während er noch schnell die Spieler für die nächsten Runden durchgeht: „Mein Studium werde ich wohl erst mal nicht beenden.“

Original on Tageblatt.de:

2018-06-12T18:28:49+00:00